Forschungsethische Anmerkungen…


… zur Durchführung empirischer Untersuchungen in der Soziologie

„Mach‘ doch mal ’ne Umfrage…“
„Ihr mit Euren Zahlen…“
„Quali kann Jeder!“

Plattitüden und Stereotype über Menschen, die sich mit Methoden der empirischen Sozialforschung befassen, gibt es zuhauf. Bis zu einem gewissen Grad ist dieser Tatbestand nicht weiter erwähnenswert, schließlich tragen  Stereotype wie diese zunächst einmal dazu bei, sich in komplexen Umgebungen  zu orientieren, wie schon der renommierte Sozialpsychologe Gordon W. Allport in den 1950er Jahren anmerkte. Und in der Tat: nicht selten muten empirische Forschungsmethoden und ihre theoretischen, methodologischen (=wissenschaftstheoretischen) und datenanalytischen Grundlagen komplex und unübersichtlich an.

Problematisch wird es jedoch, wenn Stereotype bedrohlich werden und sich in Aversionen oder gar offenen Feindschaften entladen. Seien dies Feindschaften zwischen einzelnen (sozial)wissenschaftlichen Teildisziplinen und „Schulen“ oder Aversionen derjenigen, die sich mit dem Erlernen empirischer Forschungsmethoden befassen (müssen): „Ich verstehe das nicht mit der Mittelwertdifferenz!“ – „Was soll der ganze Schwachsinn mit ‚Signifikanz‘?“ – „Warum soll ich alles wortgetreu transkribieren und dabei auch noch meine eigenen Wertungen reflektieren und mich mit diesen im sozialwissenschaftlichen Forschungsprozess zurückhalten?“

Beim Erlernen empirischer Forschungsmethoden – egal ob es sich um quantitative oder qualitative Methoden handelt – kommt es zum Einen darauf an, sich technisches Wissen anzueignen, das für eine selbständige, qualitativ hochwertige Beurteilung und Anwendung empirischer Forschungsmethoden und -befunde unerlässlich ist. Zum Anderen fordert das Studium empirischer Forschungsmethoden in den Sozialwissenschaften zur fortwährenden Reflexion und Selbsthinterfragung der eigenen Vorannahmen (und nicht selten Vorurteile) sowie methodischen und theoretischen Kompetenzen heraus.

Ihre Ausgangspunkte nehmen empirische Forschungsprozesse in den Sozialwissenschaften so gut wie immer in zwei Fragenkomplexen:

  1. Was ist das dem eigenen Forschungsthema zugrundeiegende soziale Problem? Welche krisenhaften gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen, technischen o.ä. Entwicklungen, die das soziale Zusammenleben von Menschen erschweren oder gar gefährden, lassen sich aufzeigen und inwiefern sind diese für das eigene Forschungsproblem relevant?
  2. Warum treten bestimmte krisenhafte Entwicklungen auf und wie lässt sich dieses Auftreten sozialer Problemlagen differenziert beschreiben und theoretisch fundiert erklären? Oder, um es im Sinne des soziologischen Klassikers Max Weber zu formulieren: Wie lassen sich krisenhafte Entwicklungen unter Berücksichtigung der sinnhaften Deutungen durch beteiligte Akteure verstehen und, darauf aufbauend, ursächlich erklären?

Ohne die Formulierung soziologisch gehaltreicher, weil an lebensweltlichen Problemfragen orientierten, Warum-Fragen bleibt empirische Sozialforschung in all ihren Spielarten bestenfalls beliebig, schlimmstenfalls unkritisch.

Doch allein mit der Formulierung von Warum-Fragen ist es nicht getan. Eine weitere zentrale Voraussetzung für gelingende empirische Studien- und Forschungsarbeiten ist die Einbettung der eigenen Untersuchungen in ein solides theoretisches Modell. Dabei ist der Theoriebegriff im Kontext empirischer Sozialforschung wie folgt umrissen: Theorien werden verstanden als Aussagensysteme, die kausale Annahmen beinhalten über die Entstehungsursachen und Randbedingungen des zu erklärenden sozialen Problems.

Andere Forschungsdisziplinen weisen hiervon abweichende und – im Kontext ihrer jeweiligen Wissenschaftsverständnisse und Fachkulturen – zielführende Theoriebegriffe und -konzepte auf. Diese sind jedoch zumeist nicht Gegenstand der empirische Sozialforschung – zumindest nicht in dem Sinne, dass aus den Befunden empirischer Untersuchungen direkter Handlungsappell abgeleitet wird. Denn die empirische Sozialforschung ist beispielsweise keine normative Disziplin, die auf Basis ethischer Vorannahmen und Postulate oder aber umfassender philosophischer Systeme theoretische Überlegungen über das gute Zusammenleben von Menschen anstellt. Diese und weitere ähnlich lautende normative Fragestellungen sind in den Hände der dafür zuständigen ExpertInnen bestens aufgehoben – seien dies GerichtigkeitsphilosophInnen, politische und SozialphilosophInnen oder TugendethikerInnen (gleichwohl, diese persönliche Anmerkung sei hier erlaubt, das Nachdenken über und Streiten für bessere Lebensbedingungen nicht diesen ExpertInnen allein vorbehalten sein, sondern alle Menschen, selbst jene, die auch empirische SozialforscherInnen sind, angehen sollte).

Die Stärke empirischer Forschungsansätze sind etwas etwas anders als etwa in normativen Wissenschaften: Durch das Zurücktreten von persönlichen Wertungen im Forschungsprozess wird es erst möglich, den zu erklärenden Sachverhalten umfassend theoretisch fundiert und unter  Einhaltung methodischer Standards ursächlich zu durchdringen. Erst dadurch wird ein ursächlicher Forschungsbefund sowie sein methodisch bedingtes Zustandekommen intersubjektiv nachvollziehbar und damit letzten Endes wissenschaftlich kritisierbar. Dabei arbeiten jedoch auch empirisch Forschende nie ganz frei von Vorannahmen und persönlichen Wertungen: Allein die Auswahl eines Forschungsgegenstands, die methodologischen Vorüberlegungen zu empirischen Studien oder aber die praktischen Folgerungen aus den zutage geförderten Befunden für den eigenen Lebensalltag der Forschenden sind immer mit persönlichen Wertungen und Vorlieben behaftet. Im Rahmen der Auf- und Ausarbeitung des jeweiligen Forschungsstandes, der theoretischen Grundlagen und der methodischen Vorgehensweise im Zuge eines empirischen Forschungsprojekts dürfen diese Wertungen hingegen keine Rolle spielen: Beispielsweise dürfen Forschungsbefunde zu einem eventuell (nicht-)vorhandenen Einfluss atypischer Beschäftigung auf die Ausprägung fremdenfeindlicher Einstellungen nicht unterschlagen werden, nur weil dieser Befund nicht in das persönliche Weltbild des bzw. der Forschenden passt. Dem Wissenschaftsfortschritt dienlicher wäre hingegen, auf begriffliche oder aber logische Inkonsistenzen oder aber methodische Mängel sachlich fundiert hinzuweisen und Forschungsresultate im Lichte der geäußerten Kritik einzuordnen und zu interpretieren – wissend, dass das eigene Forschungsbemühen immer wieder Kritik ausgesetzt sein wird und soll.

Immunisierung gegen Kritik durch Festhalten an theoretischen, methodischen oder empirischen Dogmen würde bdeuten, die Leitidee der Wissenschaftlichkeit – verstanden im Kontext der empirischen Sozialforschung – zugunsten eines unsystematischen und schlimmstenfalls reaktionären, vorurteils- und ideologiebeladenen Strebens nach absoluter Gewissheit zu verabschieden. Hingegen ermöglicht das Einhalten des Gebots der Werturteilsfreiheit im wissenschaftlichen „Begründungszusammenhang“ (Max Weber) Angehörigen der eigenen Community und VertreterInnen anderer Forschungsdiziplinen produktive Kritik an den gewählten theoretischen Grundlagen, den eigenen Forschungsmethoden und den erzielten Befunden zu formulieren. Ohne diesen Austausch von Kritik wäre empirische Sozialforschung ihrer wichtigsten Grundlagen beraubt: Öffentlichkeit, Transparenz und Selbstreflexion der eigenen theoretischen und methodischen Ausgangslagen.

Ob und inwieweit Forschende diese – und weitere – Gebote guter wissenschaftlicher Praxis ernstnehmen und einhalten obliegt den Entscheidungen der Forschenden nicht allein in ihren Rollen als Forschende sondern vor allem als Menschen, die sowohl sozialwissenschaftlich Tätige als auch – in welcher Form auch immer, jedoch zumeist außerhalb ihrer wissenschaftlichen Rolle – politisch Handelnde sind. Ihr methodisches Handwerkszeug sollten empirisch Forschende daher kompetent und kreativ beherrschen. Die Menschen, aus deren Handeln  heraus manchmal intendiert und oft undintendiert jene Forschungsgegenstände erwachsen, an denen sich empirisch Forschende abarbeiten, hingegen nicht.

[8. November 2017]

Weiterführende Literatur:

  • Adorno, Theodor W./Dahrendorf, Ralf/Pilot, Harald/Albert, Hans/Habermas, Jürgen/Popper, Karl R. (Hrsg.) (1969): Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Neuwied: Luchterhand.
  • Arendt, Hannah (2004 [1958]): Vita activa – oder: Vom tätigen Leben. München: Piper.
  • Döring, Nicola/Bortz, Jürgen (2016): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. Heidelberg: Springer, S. 121-139
  • Merton, Robert K. (1968 [1942]): Science and Democratic Social Structure. In: Ders.: Social Theory and Social Structure, New York: Free Press, S. 604-615.
  • Popper, Karl R. (2002 [1945]): The Open Society and its Enemies. London/New York: Routledge.
  • Weber, Max (1988 [1904]): Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In: Ders. : Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen: Mohr Siebeck, S. 146-214.

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