Was macht…


… eine soziologische Fragestellung aus?

[Anmerkung: Am Ende dieses Textes finden Sie eine kleine Auswahl an Werken, in denen sich (vielleicht) die eine oder andere weitere Anregung finden lässt, was eine soziologische Fragestellung ausmacht.]

Soziologie ist eine problembasierte, empirisch orientierte und zugleich theoretisch fundierte Wissenschaft. Diese Feststellung klingt nur im ersten Moment aufsehenerregend oder neu. Tatsächlich handelt es sich um eine bisweilen etwas verstaubte Aussage, denn schon frühe Koryphäen des Faches wie etwa Karl Marx, Max Weber oder (vor allem) Karl Popper dachten und äußerten sich in mehr oder minder ähnlicher Weise. Und auch spätere ruhmvolle FachvertreterInnen wie etwa Marie Jahoda, Talcott Parsons, Pierre Bourdieu oder Renate Mayntz (ohne Anspruch auf Vollständigkeit!) wären sich in diesem Punkt wohl im Großen und Ganzen einig gewesen. Gleichwohl es viele Teilaspekte der konzeptionellen Ausrichtung des Faches gibt, die in der Vergangenheit immer wieder Gegenstände tiefgreifender wissenschafts- und anderweitiger meta-theoretischer Kontroversen waren.

Lässt man diese oft spannenden, manchmal ermüdenden Debatten einen Augenblicklang beiseite, so mutet das oben genannte Postulat auf den zweiten Blick trivial an. Was ein Problem ist, das sollte doch schnell klar sein. Schließlich hat doch jeder Mensch so seine Probleme! Was Empirie ist – ja, das kann man doch ganz einfach auf Wikipedia blitzschnell herausfinden. Und Theorie – ja, ist halt Theorie… und nicht… Praxis… Und das ist ja auch irgendwie… logisch

Doch ist es das wirklich? Soziologie fängt an jenem Punkt an spannend zu werden, wo das scheinbar Selbstverständliche hinterfragt, das scheinbar „Immer-So-Gewesene“ oder sich „Irgendwie-notwendigerweise-So-Vollziehende“ auf seine Eigentümlichkeiten und – noch wichtiger – auf seine Ursachen hin untersucht wird. Scheinbar triviale Fragen bekommen dann einen ganz neuen, originellen Anstrich, selbst wenn sich schon so manche Forschungsarbeit mit ihnen befasst haben mag. Beispiele gefällig? Gerne!

  • Wie sieht die Geschlechterordnung moderner bürgerlicher Gesellschaften im Unterschied zu vormodernen Gesellschaften aus?
  • Was sind die Ursachen für den Anstieg der Ehescheidungsraten in den vergangenen Jahrzehnten?
  • Wie wirken interdisziplinäre Forschungskooperationen auf die Entwicklung innovativer Kommunikationstechniken?
  • Wie lässt sich die Teilnahme an politischen Protestformen erklären?
  • Warum führen soziale Ungleichheiten in manchen Gesellschaften zu politischen Protesten oder gar Revolutionen und in anderen hingegen nicht?
  • Warum ist die Verwendung mancher Musikinstrumente in der Popmusik eher männlich und anderer Musikinstrumente eher weiblich konnotiert?
  • Warum nimmt die Relevanz religiöser Bindungen in vielen modernen Gesellschaften ab, während sie in anderen modernen Gesellschaften nahezu unverändert groß ist?
  • Warum nimmt die Wahlbeteiligung in modernen Demokratien ab?

Jede dieser Fragen mögen oberflächlich anmuten, doch es verbergen sich hierhinter Probleme, die sich nicht annähernd in jener kurzen Zeit beschreiben, erklären, geschweige denn lösen lassen, in der sie formuliert wurden. Dazu bedarf es mehr – theoretischer Annahmen, methodischer Fundamente und einer strukturierten Arbeitsweise. Denn nur weil eine Warum-Frage zunächst oberflächlich anmutet, müssen es die dahinter stehenden sozialen Probleme, die zur Erklärung konkurrierenden Theorien und die Methoden zu deren (empirischen) Beantwortung es ganz und gar nicht sein. Dort also, wo die Antworten auf die oben genannten – oder ähnliche Fragen – knapp ausfallen, auf Alltägliches, auf Triviales, Selbstverständliches oder gar auf geheime, „dahinterstehende“ Pläne und Verschwörungen verweisen, sollten SoziologInnen besonders hellhörig werden. Denn es ist die – mitunter heikle, zugleich ehrenvolle – Aufgabe von Menschen, die (auch) Soziologie betreiben, das scheinbar Triviale, Immer-so-Gewesene zu hinterfragen und nach umfassenden Antworten zu suchen, die die ursächliche Lösung der hinter den Fragen stehenden Probleme zu ermöglichen.

Ohne die Formulierung konkreter Forschungsfragen – hier vor allem: „Warum-Fragen“ – kommen SoziologInnen nicht aus. Denn es sind soziale Probleme, an der soziologische Forschung immer wieder aufs Neue ihren Anfang nimmt, wissend, dass die finale, allumfassende Beantwortung eben jener Warum-Fragen wohl niemals möglich sein wird. Und trotzdem baut Soziologie wie ein störrisches Kind darauf, dass das durch sie hervorgebrachte, theoretisch und empirisch fundierte, kritiserbare Wissen Möglichkeiten eröffnet, die Welt, in der Menschen – oft gemeinsam, oft einander widerstrebend – leben und handeln, zumindest ein Stückweit zu einem besseren Ort zu machen. Ohne den Anspruch jedoch, mit ihrem Wissen einen tragfähigen ethischen Rahmen zu liefern, der die normativ orientierte Bewertung des Voranschreitens hin zu einer besseren Welt ermöglicht.

Soziologie ist eine in ihrer praktischen Zielsetzung größtenteils desillusionierte und zugleich hochgradig idealistische Wissenschaft, denn sie weiß: mit den von ihr hervorgebrachten soziologischen Einsichten, Beschreibungen und ursächlichen Erklärungen kann und darf sie allein die Welt nicht zum Besseren verändern. Bereits der Versuch wäre strafbar, wie die ideologischen Verirrungen so mancher FachvertreterInnen in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts zeigen. Doch zugleich ist sie überzeugt: Ohne das von ihr reflexiv hervorgebrachte und damit fortwährender Selbst- und Fremdkritik ausgesetzte Wissen kann die Welt nicht zum Besseren verändert werden.

Die beständige Formulierung von Warum-Fragen, die unermüdlich-nüchterne begriffliche Erfassung und praxisorientierte Beschreibung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse – so grausam sie bisweilen anmuten mögen – sowie die Suche nach und empirische Überprüfung von theoretischen Erklärungsansätzen treiben die Soziologie voran. Und doch scheint sie oft auch auf der Stelle zu treten. Denn die soziologisch relevanten Fragen sind nicht immer ganz so neu, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Soziale Ungleichheiten, ökologische Bedrohungen, Ausbeutungsverhältnisse, Geschlechterkonflikte – all dies und viele andere krisenhafte gesellschaftliche Veränderungen gibt es in unterschiedlichen Nuancierungen und vielfältigen kulturellen Ausprägungen schon seit langen Zeiten. Wie Menschen mit diesen umgegangen sind, wie sie unter den Einflüssen dieser gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gehandelt haben und dies weiterhin tun – all dies ändert sich hingegen beständig. Oder auch nicht!?

Sollten Sie sich inzwischen an das Selbstverständliche, das sie bisweilen umgeben mag, gewöhnt haben, scheuen Sie nicht zurück, Fragen nach dem „Warum“ zu stellen und, diese mithilfe soziologischer Theorien und empirischer Einblicke zu beantworten. Sehr wahrscheinlich wird dahinter ganz Unselbstverständliches zutage treten. Umgekehrt dürfte es manchmal hingegen der Fall sein, dass sich, obwohl Sie glauben, nichts sei mehr selbstverständlich und von Dauer in der heutigen komplexen, unübersichtlichen Zeit, mag vielleicht überrascht werden, so manche Kontinuität menschlichen Zusammenlebens nicht einfach in Luft aufgelöst hat.

In Zeiten, in denen politisch radikale Bewegungen und Geistesströmungen zusehends die Grundfesten offener Gesellschaften torpedieren, ist die Soziologie und damit die empirische Sozialforschung als orientierungsstiftende Sozialwissenschaft in einer oft unübersichtlichen Welt relevanter denn je. Warum-Fragen zu stellen und diese methodisch fundiert, empirisch orientiert und theoretisch informiert zu beantworten heißt, Wege zu eröffnen für differenzierte Problembeschreibungen und -erklärungen, die über allzu sehr vereinfachende, auf Selbstverständlichkeit oder gar reine Intuition zielende Ad hoc-Erklärungen hinausgehen.

Es steckt also doch Einiges mehr hinter dem Satz zu Beginn dieser Ausführungen: Soziologie ist eine problembasierte, empirisch orientierte und zugleich theoretisch fundierte Wissenschaft. Es liegt an Ihnen, diesen Satz immer wieder aufs Neue mit Leben zu füllen, indem Sie Warum-Fragen an das scheinbar Selbstverständliche formulieren, für die Sie brennen.

Ohne das unermüdliche, manchmal öde Lesen sozialwissenschaftlicher Texte, Fachartikel und KlassikerInnen dürfte Ihnen dies wohl kaum gelingen. Das Beruhigende ist: Ausschließlich mit dem Lesen wissenschaftlicher Texte jedoch auch nicht. Das wusste schon der altehrwürdige Soziologe Norbert Elias. Auf die Frage eines Interviewenden, wodurch er die für ihn wichtigsten soziologischen Einsichten erlangt habe, antwortete er sinngemäß: Nicht allein das Lesen soziologischer Bücher, sondern vor allem der Blick in die Welt, das – respektvoll-distanzierte – Studium der Menschen und ihrer kollektiven Probleme habe ihm seine wichtigsten soziologischen Lehren ermöglicht.

[9. November 2017]

Weiterführende Literatur zum Einstieg in eine erklärende und zugleich engagierte Soziologie:

  • Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Der Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Berger, Peter L. (2011): Einladung zur Soziologie. Eine humanistische Perspektive. Stuttgart: DTV.
  • Elias, Norbert (2014): Was ist Soziologie? Winheim: Beitz Juventa.
  • Esser, Hartmut (1993): Soziologie. Allgemeine Grundlagen. Frankfurt a. M./New York: Campus.
  • Marx, Karl/Engels, Friedrich (1971 [1847/48]): Manifest der Kommunistischen Partei. In: Marx, Karl/Engels, Friedrich (Hrsg.): Marx-Engels-Werke Band 4, Berlin: Dietz, S. 459-493.
  • Neckel, Sighard/Mijic, Ana/Scheve, Christian von/Titton, Monica Hersg.) (2010): Sternstunden der Soziologie: Wegweisende Theoriemodelle des soziologischen Denkens. Frankfurt a. M./New York: Campus.
  • Weber, Max (1988 [1919]): Wissenschaft als Beruf. In: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen: Mohr, S. 582-613.

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